Erfahrungsbericht Hippotherapie: Pferde? Nein Danke!

Birgit Groth kommt seit zwei Jahren zur Hippotherapie bei Stallwerk e.V. Sie ist an TM – Transverse Myelitis – erkrankt und berichtet, welchen Einfluss die Reittherapie auf ihre Lebensqualität hat. Die Therapie auf dem Pferd unterstützt sie dabei, ihre Beweglichkeit zu verbessern, Verkrampfungen zu lösen und Kontrolle über ihren Körper wieder zu erlangen.

Pferde? Nein, Danke!

Das war über 50 Jahre so. Ich mochte sie nicht, diese großen, merkwürdig riechenden Lebewesen ohne „Kuschelfaktor“. Aber was heißt nicht mögen, ich hatte Angst und hielt immer mehr als ausreichend Abstand zu ihnen. Wenn überhaupt, sah ich sie durch das Fernglas oder im Fernseher. Tja, Ursache hierfür war ein traumatisches Erlebnis mit meinem reitbegeisterten Papa, einem knatternden Moped, einem Pferd ohne Sattel und einem unfreiwilligen Abstieg!

Aber das Leben schreibt ja sein eigenes Drehbuch.

Morgens aufwachen, merken, dass die Kontrolle über den Körper über Nacht verloren gegangen ist – viele Wochen Krankenhaus mit viel Cortison und anschließender Reha mit jeder Menge Physiotherapie. Der Erfolg, ich konnte stehen, nicht sehr sicher, aber ohne Hilfe, Zähneputzen ohne Festhalten schon schlechter. Und ich konnte mich wieder vorwärts bewegen. Na ja, nicht „artgerecht“ und nicht Hüft-freundlich, aber vorwärts!

Und eines Tages, nichtsahnend und Kaffee-trinkend im Reha-Café, riecht es nach Pferd.
Es kommt vom Sitznachbarn. Stichwort Hippotherapie.
Ja, nichts für mich, denke ich noch so, während dieser übel riechende und haarende Mensch mir vorschwärmt, wie toll dieses Pferd ihm helfe, sein Gleichgewicht wiederzufinden, die verkrampften Muskeln zu entspannen und überhaupt dieses Gefühl von Bewegung und FREIHEIT!

Ja, ja, denke ich weiter, mir sind eben Hunde, Katzen und Tiere bis maximal Knie- oder Hüfthöhe nun einmal lieber.
Ein paar Tage später begegnen wir uns wieder, und dieser Mensch hat ein breites Grinsen im Gesicht und ist gut drauf, wie man so sagt. Er hatte wieder Hippotherapie.

Vielleicht ist es eine vertane Chance denke ich, wenn ich diese Therapie nicht versuche. Wenn ich die Chance verpasse, wieder richtig oder zumindest besser laufen zu lernen, dem Windeldealer den Vertrag kündigen zu können und beim Freihand-Zähneputzen nicht mehr umzufallen. Und der Versuch kostet keinen € – nur die Überwindung meiner Angst.

Nun, sagt die betreuende Reha-Ärztin, diese Therapie ist nur für Patienten, die wieder für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden sollen, und ich wäre ja schon aus dem Berufsleben raus.

Ja, Frau Doktor, ich bin behindert, kann kaum laufen, aber ich bin nicht blöd im Kopf. Ich habe ebenso wie alle Patienten ein Recht auf verbesserte Lebensqualität! Unterstützung bekam ich von meiner Neurologin, einer engagierten Mitarbeiterin meiner Krankenkasse und gemeinsam erreichten wir das Ziel – Hippotherapie.

Ich erzählte den zwei Therapeutinnen, welchen Ursprung meine Angst vor Pferden hatte, und sie schafften es in kürzester Zeit, dass ich nach über 50 Jahren wieder auf einem Pferd saß!

Nicht gerade entspannt, und nach 15 Minuten wollte mein Körper auch nicht mehr aufrecht sitzen bleiben. Also runter vom Pferd, ich fiel praktisch vom Pferd und – all das mühsam wieder Erlernte war verschwunden, nichts ging mehr, kein Schritt! Alles schlechter als vorher!

Gottseidank hatten die Therapeutinnen mir vorher gesagt, dass diese Wirkung eintreten kann, erfahrungsgemäß ein bis drei Stunden anhalten kann und es danach besser geht.

Wer es glaubt!

Und tatsächlich, nach drei Stunden war insbesondere mein Faul Pelz linkes Bein bereit, sich krampflos bewegen zu lassen. Ich fühlte mich gut, jede Bewegung war leichter und lockerer. Ein Gefühl von Freiheit! Auch auf dem Boden.
Nach vier Reiteinheiten war die Reha vorbei, und ich machte mich zu Hause auf die Suche nach Hippotherapie-Plätzen. Ich fand Stallwerk e.V., einen der wenigen Reitställe die Hippotherapie für Erwachsene anbieten.

Jetzt nach gut zwei Jahren auf „Sofa-Pferden“, sie sind sehr bequem und Festhalten war nur selten nötig, und den eher zierlich, schmalen Eleganten, hier war Festhalten angesagt, schaffe ich 30 Minuten auf ihnen. Danach geht noch immer für drei Stunden nichts mehr, besser fast nichts mehr.
Aber dann geht’s: Laufen auf ebener Fläche ohne Rollator, Krücken oder helfenden Händen! Und 18 cm hohe Stufen? Kein Problem!

Nur, nach 1 ½, 2 max. 3 Tagen ist es wie vor der dem Reiten und die nächste HappyHippo Reiteinheit wird von mir herbei gesehnt.

Aber halt, nicht alles ist wie vorher, denn dauerhaft, zuverlässig verbessert hat sich bei mir das Gleichgewicht. Schuhe zubinden im Stehen? Na, klar.
Das Gefühl vom kleinen Zeh bis zum Gesäß ist wieder da, ich merke jetzt den Muskelkater wieder, und der positive Einfluss auf die Kontrolle der Blase ist mehr als erfreulich. Und freihändig Reiten ist jetzt für mich auch kein Thema mehr; auf dem Pferd sitzend Handschuhe oder Jacke an- und ausziehen, kein Problem.

Mein Faul Pelz Bein Karlchen behält von Mal zu Mal ein wenig mehr von dem „normalen“ Bewegungsablauf, wenn auch nur ein wenig. Es ist genug, um auch im unwegsamen Gelände gehen zu können; wenn auch mit Krücken oder einer helfenden Hand. Vieles wird besser, leichter mit Hippotherapie, gleich ob für Körper, Geist oder Seele.

Pferde und ich? Ja, bitte!

Beste Freunde werden wir wohl nie, sie sind immer noch so groß und riechen merkwürdig und fusseln! Aber sie sind mein liebstes „Therapiegerät“ mit der weichsten, samtigsten Oberfläche!

Birgit Groth
im Mai 2016

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